Kolumna

Wer kennt sie nicht, diese Artikel oder Meinungsquadrate in Zeitungen, Zeitschriften und Blogs, die die starte-den-Tag-mit-einem-Lächeln Strategie proklamieren, als wäre es die neue Weltordnung. An sich ist dagegen nichts einzuwenden, denn es macht die Welt nun mal unbestreitbar zu einem freundlicheren Ort. Also steigt in die öffentlichen Verkehrsmittel und grüßt den Fahrer, lächelt und starrt nicht permanent mit einem in Falten gelegten Gesicht vor euch hin.

Das Faux-Pas dieser Strategie? Sie baut darauf, dass nur ein mäßiger Teil der Bevölkerung ihr nachkommen wird.

Stellt euch doch mal eine Welt vor, in der tatsächlich alle permanent lächeln und freundlich, lieb und nett sind. Bitte, ich halte Ihnen die Tür, bitte danke guten Morgen! Sehr freundlich von Ihnen! Bitte sehr, bitte gern! Ich sehe innerlich sofort eine grausame Maskenscharade [da das Lächeln irgendwann festfrieren _muss_] und die bitterböse Zynik in mir rüttelt an allen Gitterstäben.

Worauf mein eigenes kleines Meinungsquadrat hinaus läuft? Auf eine Liebeserklärung an diese kleine Krüppelwelt, die in einem Atemzug etwas Wunderschönes und zugleich zutiefst Derbes offenbart. An den nett grüßenden Postmensch, an den schlecht gelaunten Nachbarn, der etwas unverständlich in seinen leider noch nicht vorhandenen Bart grummelt. An wunderschöne Sonnenaufgänge, die von Flugzeugstreifen unterbrochen werden. An die tollen Damen meiner Lieblingskaffeebar am Morgen, nur um danach draußen angerempelt & mit kreativen Flüchen bedacht zu werden. An den Sonnenstrahl am Morgen, der einen zu einem sommerlichen Outfit veranlasst, nur um danach durch die Regentraufe gezogen zu werden. An die nett grüßenden Busfahrer & an die Mitfahrer mit ihrer teils gespielten puren Gleichgültigkeit in den Gesichtern. An die Passanten, die sich Zeit lassen auf ihrem Weg & an die Fahrradfahrer, die sie damit absolut in den Wahnsinn treiben. An die Passanten, die mit besonderer Ausdauer und exzellenter Zielsicherheit mitten im Weg stehen bleiben und damit mich in Rage bringen. An die Personen, die ohne Punkt und Komma schnattern & an diejenigen, die die Zähne nicht auseinander bringen. An alle, die vollkommen offen auf andere Menschen zugehen & an alle Kellerkinder, die erschrecken, wenn sie ihren Namen laut hören. An alle, die morgens 5 Stunden im Bad verbringen, bis die Optik perfektioniert wurde und all jene, die aus dem Bett in eine Jeans samt T-Shirt fallen und damit den universellen feel-good-feel-simple Look am Leben erhalten. An alle knorrigen, alle nölenden und alle glatten Menschen.

Ohne euch wäre der Tag doch einfach langweilig.

Liebe Welt, du bist definitiv irgendwo kaputt. Aber das passt schon so. Ich denke, wir passen ganz gut zusammen.

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