Dorfsommer

Als ich aus dem Zug steige, erfasst mich eine Welle gedörrter Luft, die mir unmissverständlich klar macht, dass ich im Sommer angekommen bin. Natürlich bin ich die Einzige, die an dieser Station ausgestiegen ist, wie immer eben. Links und rechts neben mir auf dem Bahnsteig bleibt außer wabernd heißer Luft nichts, nachdem der Zug seine weitere Reise aufgenommen hat.

Die 2 Kilometer von der Miniatur-Kleinstadt ins Dorf laufe ich, zwecks ungünstig liegender Arbeitszeiten kann ich leider nicht geholt werden. Nach ein paar Metern hört der Gehsteig auf, die nächsten Schritte finden auf halb vertrockneten Wiesengrund ihren Weg. Den Weg entlang, einen Hügel hinauf, über eine Brücke und schließlich den Hügel hinab. In die Nase stielt sich der trockene Duft staubigen Strohs, begleitet von einer sonnigen Brise. Zum Glück reise ich nur mit leichtem Gepäck, sonst würde sich vermutlich leichtes Schnaufen  in diese Sommerszene mogeln. Aus der Ferne lässt sich ein vermutlich lautstarkes Ungetüm in aller Gemütlichkeit bei der Ernte eines Getreidefeldes beobachten. Am linken Wegesrand knacken die Kuseln und Zapfen in der hitzigen Sonne, um ihren Überlebenskampf in die nächste Runde zu bringen. Die Grillen in der Wiese rechts neben mir demonstrieren mit aller Macht ihren Einfluss in diesem Moment meines Lebens. In einem gemeinsamen Kraftakt übertönen sie nicht nur das Summen der großen Stromleitung in der Höhe über mir, sondern auch die Musik, die sich vom Handy über die Kopfhörer in mein Ohr schlängelt. Emma Hewitt singt etwas über Tage, die uns gehören.

Sauerkirschblüte Projekt 365

Doch auch die reife Leistung der Grashüpfer lasse ich letztendlich hinter mir und betrete wieder menschliche Zivilisation. Der markanteste Unterschied zum vorherigen Weg ist freilich darin zu finden, dass nun einzelne Zäune ihren Besitz markieren und sich die ersten Gebäude anschleichen. Der alleinige Gegenverkehr, der sich mir bietet, ist ein Traktor, der von einem schrullig-knubbligen Mann betrieben wird. Zum Gruß hebt er die Hand, obwohl er mich höchstwahrscheinlich nicht kennt. Wie auch, weder bin ich in diesem Ort aufgewachsen, noch komme ich besonders oft hierher. Durchschnittlich wohl etwa 3 mal im Jahr – Frühling, Ende Sommer/ Anfang Herbst und natürlich Weihnachten.

Sommer 2011, Sommerhobby, Projekt 365

Vorbei an der Kirche, vermutlich eines der kühlsten Gebäude im Dorf, da halb in den Fels hinein gebaut. Dem verlockenden Bachverlauf folge ich entgegen der Strömung und begegne den ersten Kindern, die sich ein diebisches Plansch- und Spielevergnügen  im eiskalten Mittelgebirgs-Wasser bereiten. Das Quietschen der Mädels und das laute Gelächter der Jungs begleitet mich die wenigen restlichen Meter ins elterliche Haus, in dem frisch gebackenes Nussbrot meiner dringenden Fürsorge bedarf. Im Garten wird dem Grill sagenhaft eingeheizt, Brummelhummeln umsummen um die Bohnen- und Ringelblumenblüten, die ersten Tomaten versuchen sich an ihrem Rötungsprozess. Voll Freude wird mir von den Johannisbeeren und Sauerkirschen erzählt, die glücklicherweise bereits geerntet und verarbeitet wurden. In den folgenden Stunden wird sich auf Grillgut, Kaffee und Kuchen fokussiert, wobei die Gespräche spätestens nach dem 3. Stück Fleisch spärlicher werden und noch beim Nachtisch in ruhige, gesättigte Zufriedenheit übergehen. Der Abend bleibt klein gehalten mit kurzweiligen Gesellschaftspielen und einigen Seiten eines guten Buchs, denn der nächste Morgen bringt einen frühen Weckdienst mit sich, soll es doch schließlich auf die Jagd nach den letzten Blaubeeren und den ersten Pilzen gehen.

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Beides wurde übrigens auf einem ausgiebigen Waldspaziergang gefunden, so dass die erste frische Pilzpfanne der Saison und die letzten beiden Miniaturgläser mit Blaubeermarmelade nun ihre Stelldicheins in verschiedenen Bauchtrakten/ Küchenregalen feiern dürfen.

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