Gedankenlose Blutrunst

Was ein erfolgreicher Kino-Thriller sein will, kommt oftmals um zig Explosionen, unzählige Kollateralschäden, tiefgehende Einblicke in die weibliche Anatomie und natürlich einen äußerst schlagkräftigen Helden nicht herum. Im perfekt sitzenden Anzug, selbstverständlich.

Reihenweise bringen die mittlerweile fast unübersichtlich gewordenen CSI Reihen dem Massenpublikum allabendliche Auflösungen immer wahnwitzigerer und immer gleichartigerer Mordfälle näher. Anfänglich konnte man durch die benutzte Wissenschaft beim Original zwar sogar noch etwas lernen, doch mittlerweile werden Laborszenen musikalisch dominiert, anstatt eine Erklärung für das reale Leben zu liefern.

Was hingegen zu einem ersten Platz auf den gängigen Bestsellerlisten im internationalen Buchhandel führen soll, beinhaltet am besten einen immer psychotischeren Killer, der seine Opfer um des Wahnsinns Willen mit allerlei kryptischen Botschaften hinterlässt – natürlich nur, weil er wie jeder andere Mörder am Ende geschnappt, beziehungsweise gestoppt werden möchte. Psychologie für die Masse. Da liegt schon mal der fluffige tote Kaninchennachwuchs zwischen menschlichem Gedärm in aufgeschlitzten Mägen, findet man kryptische Nachrichten aus dem Blut der Opfer an der Wand oder hangelt sich von einem abstrusen Schlachtfest zum nächsten.

James Bond, Jason Bourne, Frank Martin – sie alle schlagen sich möglichst explosiv durch variierende Gegenden der Welt. Selbige gilt es immerhin zu retten. Oder war es doch nur die eigene Haut, für die unzählige Andere den Kopf mehr oder minder deliziös entfernt bekommen?

Das war bei Weitem nicht immer so. Natürlich nicht.

Vorbei sind die Zeiten, in denen den Guten ein kleines Medium abhandenkam und ein gewisser Sherlock Holmes die Ermittlung aufnahm. Die gesamte Handlung entspann sich rund um eine nicht schlüssige Szene, mit der das gesamte Rätsel um den Sachverhalt beginnt. Das WIE war entscheidend: warum ist es so passiert & nicht anders? Wo befindet sich das Medium nun? Wer war beteiligt und wie versucht dieser, sich der Situation zu entwinden? Die Ermittler laufen nicht entspannt in brennende Häuser oder entkommen permanent gerade noch den explodierenden Autos/ Zügen, nur um am Ende die Heldin ziemlich fantasielos zu vernaschen. Sherlock Holmes und Irene Adler hatten nie ein Verhältnis – Spannung gab es trotzdem ausreichend zwischen ihnen. Gelöst wurde am Ende eine komplizierte Verwicklung von Tatsachen, die trickreich, lehrreich und vergleichsweise stark unblutig waren.

Es ging nicht um eine möglichst abstrakt kaputte Psyche, sondern um wertvolle Information, die geborgen werden musste. Man konnte miträtseln, Handlungsmöglichkeiten im Kopf jonglieren und seine Gedanken engagieren. Heute steckt man sich am besten einen Pschyrembel ein und schließt Wetten auf die zugrunde liegende Psychose des Täters ab. Für die kleinen Hypochonder in uns. Selbst bei Mission Impossible versuchte man noch einen Hauch einer Herausforderung in die Handlung zu bringen: man erinnere sich allein an die Masken und die Stimmverfälschungen, dank derer der Gute zum Bösen werden konnte und sich so seicht anspruchsvollere Handlungsstränge ergeben konnten.

Es ging auch nicht darum, mit möglichst vielen Explosionen den Hauptpersonen die Zeit für ihre Dialoge zu kürzen. Es wurde tatsächlich mehr Wert auf Schauspielkunst gelegt, anstatt Pyrotechniker und Stunt(wo)men im Schockmaß zu beschäftigen. Die Erwartungen an das Publikum sind dabei offenbar: Hier ein Feuerchen, da ein Gefecht, dort eine Explosion. Das erfordert nicht viel Intelligenz beim Zuschauer und erst recht kein Mitdenken. Die Geschichte hat weniger Facetten, in denen sie erlebt werden kann. Stumm im Sessel sitzen, simple Dialoge abwarten, Explosionen unglaublichen Maßes bestaunen [die Auflösung erst recht!] und sehen, dass der Held mit einem Miniaturkratzer das Abenteuer überlebt. Eine himmelschreiendere Beleidigung der Zielkundschaft könnte es eigentlich gar nicht geben. Mehr wird von den Machern mittlerweile allerdings auch nicht erwartet. Das Publikum möchte nicht gefordert werden, es möchte nur berieselt werden, hinterher die Schultern zucken und den Film/ die Serienfolge/ das Buch innerhalb weniger Minuten wieder vergessen haben.

Ihr verschwendet eure Zeit.

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2 Kommentare

  1. Hach, weißt du, was ich vermisse? Die alten Poirot-Filme… Ich hab‘ ein kleines Faible für Agatha Christie, hör sie gerne als Hörbuch zum Einschlafen ;-). Wahrhaft anspruchsvolle Kost ist das allerdings auch nicht, und da ich gerade so als Zwischenlektüre einen alten Sherlock-Holmes-Sammelband lese, kann ich sagen, auch das teilweise arg hanebüchen ist. Vielleicht nicht so ganz absurd, wie die übertriebene Action in den diversen Serien, mag sein. Sind halt ganz unterschiedliche Genres, ich find’s schwierig, das zu vergleichen, aber gleichwohl ebenfalls schade, dass immer mit möglichst viel Blut & Nackenschauer geworben wird. Ich ziehe klassische Krimis i.d.R. allzu detailliert beschriebenem Gemetzel eindeutig vor, aber da gibt’s durchaus spannende Ausnahmen, die nicht nur hohl ein Schlachtfest feiern. Wenn du Sherlock Holmes magst, kann ich dir übrigens „Das Geheimnis des weißen Bandes“ ans Herz legen, ich hab’s verschlungen!

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  2. Mais oui, Monsieur Hercule Poirot! Guter Punkt, die könnte ich mal wieder auf meine Filmliste setzen :) Ich meinte es auch nicht gar so krass, es soll nicht darum gehen, eine Doktorarbeit in Film zu gestalten, man möchte beim Schauen trotzdem entspannen. Ein wenig Sinn macht bisweilen trotzdem etwas Spaß. Ich lese ja auch gern Fitzek und Beckett, so is es nu nich, wollte mich da nicht auf ein besonders hohes Ross setzen ;) Das Geheimnis des weißen Bandes jedenfalls hab ich mir für die Bücherliste notiert, vielen Dank für den Tipp!

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