Nachrufe auf Marcel Reich-Ranicki – ein Kommentar

Nachrufe auf Marcel Reich-Ranicki anlässlich seines Todes am Mittwoch (18.09.2013) gibt es viele. Auch ich betrauere den Tod eines der größten Literaturkritiker aller Zeiten. Ihn allerdings als Popstar der Kritiker zu bezeichnen – diese Schmach kann man ihm doch nicht antun!

Ein Popstar schwimmt auf einer Welle aus Einheitsbrei, seine Inhalte sind oberflächlich, immer wieder gleich und ohne besondere Aussagekraft. War Marcel Reich-Ranicki also tatsächlich ein Papagei der Massen? Diese Frage lässt sich so unglaublich offensichtlich nur mit einem demons-trativen NEIN beantworten.

Seine gepflegte Gegnerschaft zu anderen Größen, wie beispielsweise Günter Grass ist nur einer seiner vielen Ecken und Kanten. Dass er trotzdem zum Gesicht der deutschen Literatur wurde, haben wir dem offenbar auch vergebenden Wesen dieses großartigen Charakters zu verdanken. Als polnischer Jude geboren, war es seine Mutter, die unser Land als die Heimat der Dichter in seinen Fokus gerückt hat. Das Nazi-Deutschland musste er nach seiner Schulzeit verlassen, die Familie lebte ab 1940 wieder in Polen.

Er arbeitete sich quer durch die Verwaltung des Warschauer Ghettos, dem Untergrundarchiv und den polnischen Widerstand. Sein Bruder vergiftete sich 1943, um der SS nicht in die Hände zu fallen, seine Eltern wurden durch die Nazis ermordet. Dass er seine Biographie „Mein Leben“ nannte, war vermutlich also eher kein Zufall. Es folgten Aktivitäten bei der polnischen Armee, der polnischen Militärmission und nicht zuletzt seine Berufung zum Konsul Polens im Generalkonsulat London. Erst 1958 kehrte er nach Deutschland zurück und avancierte zu einer fulminanten Größe der Literatur.

Seine Kritik konnte unvermittelt heftig sein, doch wie auch schon Mahatma Ghandi sagte: „Zuerst ignorieren sie dich. Dann lachen sie dich aus. Dann bekämpfen sie dich. Dann hast du gewonnen.“ Wer von Marcel Reich-Ranicki unter die Lupe genommen wurde, der bekam die Aufmerksamkeit eines Maestros. Ungestüm, manchmal ungewollt, harsch, aber die Aussagen direkt auf den Punkt gebracht.

Wie kann er also ein Popstar gewesen sein? Seine Vergangenheit war rauer als so manche See, die Bibliothek war sein Revier, die Literatur sein Metier – die Menschheit und die Beliebtheit eines Popsternchens wohl weniger. Vielmehr erschien er wie der ultimative Rockstar der Literatur: Verehrt, abgrundtief gehasst, unberechenbar, launisch, polarisierend, aussagekräftig. Nein, ein oberflächliches Sternchen für die tumbe Masse war er beileibe nicht.

In diesem Sinne: Rock on!

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Unter den schmähenden Blättchen findet ihr das Hamburger Abendblatt, die Fürther Stimmen und den Kölner Stadtanzeiger.

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