Ein halbes Jahr München

München ist natürlich nicht die erste Stadt, in der ich lebe. Nach sieben Umzügen bin ich durchaus schon mit einigen Land- und Stadtflecken Deutschlands, insbesondere aber Bayerns vertraut. Trotzdem bin ich irgendwie immer noch „vom Dorf“ – kennt ihr das Gefühl? So ein Dorf lässt einen einfach nicht los ;) Seit ziemlich genau einem halben Jahr wohne ich jetzt in München.

Anfänglich war ich in dieser Stadt durchaus etwas verhalten unterwegs, da mir von so vielen Seiten entgegen geschrieen wurde, wie spießig die Stadt sei. Allein während meiner WG Suche habe ich eigentlich nur Menschen getroffen, die sich beim Stichwort „München“ ganz fürchterlich aufgeregt haben. Die Stadt ist spießig, hinter den Fassaden total verlottert und natürlich absolut arrogant. Nicht zuletzt kommen die Vorwürfe bezüglich der Rolle Münchens unter Hitler zur Sprache, direkt gefolgt von der Beschwerde, dass die Läden hier ja nur bis 20 Uhr offen hätten.

Gelästert wird über Städte ja schon eine ganze Weile – nicht zuletzt in den Vice Artikeln über Berlin und München. Dass nicht alles schwarz und weiß ist, haben viele Herrschaften offenbar noch nicht verstanden. Verstehen wollen. Meckern ist scheinbar cool geworden und natürlich weiß jeder am Besten über alles Bescheid. „Denn leider wissen immer noch viel zu wenige Menschen, was sich dort unten an der Isar wirklich abspielt.“ [Böser Humor an] Mei Vice, da betreibt ihr jetzt aber wirklichen Aufklärungsjournalismus und mit Sicherheit wisst ihr als Einzige, was sich hier unten rund um die Isar echt abspielt! [Böser Humor aus.] Hat was von der Bild, dieses Marktgeschrei.

Über solche Rindviecher stolpert man allerdings schon öfter. Erst letzte Woche habe ich einen Typ getroffen, der meinte, die Arroganz der Stadt im abgespreizten Finger eines Mannes zu erkennen, wenn er aus einer Tasse trinkt. Der sich im nächsten Atemzug darüber beschwerte, dass die anderen ihn von oben herab betrachten würden und ihn niemals so akzeptieren würden, wie er ist. Die Ironie dieser Situation erschließt sich euch? Falls nicht, mal eine Analogie aus dem Kindergarten, denn auf diesem Niveau bewegen sich leider viele mit ihren Vorurteilen: Entweder ich akzeptiere die anderen Kinder, wie die sind – dann kann ich das auch von ihnen erwarten und wir spielen mit etwas Glück und Charakter alle glücklich im Sandkasten miteinander. Oder ihr blockt alle Kinder innerlich ab und stellt euch in die Ecke. Anschließend sagt ihr, dass die ja nur auf euch herab kucken und tönt dann, wie uncool sie alle sind. Kein Wunder, wenn niemand mit euch spielen will.

…. und wenn die Münchner erst trinken! Dann zeigen sie ihr wahres Gesicht. Zum einen fallen die Hemmungen mit steigendem Alkoholpegel auch außerhalb der Stadtgrenzen. Zum anderen sind es vielleicht auch nicht ausschließlich Münchner, die einen über den Durst trinken. Wie war noch mal das Verhältnis von Münchnern zu Touristen als Besucher auf der Wies’n?

Kommen wir zum Hitler-Argument. Zum Gähnen, weil furchtbar alt. War echt mies damals, das ist uns allen klar, doch wie weit wollt ihr noch in die Geschichte zurückgehen, um den heutigen Zustand zu beurteilen? Demnach wäre der Rest Deutschlands genauso zu verurteilen – die haben alle gegrölt und mit dem Finger auf andere gezeigt. Schreckliche Sache, doch diesbezüglich ein sinnloses Argument durch und durch. Genauso wie das saufen, fressen und koksen-Argument – die bösen Münchner Parties. Da hat wohl jemand eine Einladung verweigert bekommen?

Wenn einer kein Geld hat und zu Hause bleibt, ist er selbst Schuld. Vielleicht sollten aber die Leute von Vice mal bei mir vorbei kommen, ich nehm sie dann schon mit. Wer sich selbst nur im P1 rumtreibt, kann zwar toll darüber lästern, hat aber keine Ahnung von der restlichen Stadt. Natürlich gehe ich mit ausgelatschten Turnschuhen theoretisch nicht ins P1. Praktisch auch nicht, weil ich da nie hingehen will. Das heißt nicht, dass ich mich nur daheim einkrümel und den anderen neidisch zuschaue. Hallöchen Popöchen, das ist mein Leben, das da sonst an mir vorbei ziehen würde. Womit wir beim Punkt angekommen sind: Vice denkt offenbar, dass die nicht reichen Bewohner Münchens zu wenig Selbstbewusstsein haben, um einen Schritt über die Türschwelle zu machen. Da kann ich nur sagen: Ihr tut mir leid. Scheinbar traut ihr euch das selbst nicht oder ihr wüsstet besser Bescheid.

Alles Gold hier an der Isar? Natürlich nicht. Wird auch nie so sein. Zum Glück.

Willkommen in München. Herzliche Grüße

eure Bettina

Advertisements
Vorheriger Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: