Rezension: Golem und Dschinn

Ihre Schicksale könnten nicht widersprüchlicher starten. Sie? Ein aus Lehm geformter Körper, durch Magie beseelt. Erschaffen, um einem Meister zu dienen. Er? Ein Dschinn, wilder und freier Geist der Wüste. Im New York des Jahres 1899 treffen sie aufeinander. Zwei Außenseiter in einer fremden und faszinierenden Welt.

… auf nach NYC!

Im Stadtteil Little Syria von New York City lebt im Jahr 1899 ein Kunstschmied, der eines Tages eine Öllampe zur Reparatur erhält. Wie bei Aladin befreit der Schmied zufällig einen Dschinn, als er sie reparieren möchte. Im Gegensatz zur Disneygeschichte ist der aber nicht gerade begeistert. Denn er trägt einen eisernen Armreif, der ihn zu einer Existenz in menschlicher Form zwingt – obwohl er eigentlich aus einem Feuerfunken besteht. Der Schmied nimmt sich seiner an, denn als Feuerelement hat der Dschinn eine unfassbare Begabung als Kunstschmied.

Zur gleichen Zeit erwacht Chava auf hoher See. Ihr Meister, ein polnischer Jude, hat sie sich als Golem von einem Magier erschaffen lassen, bevor er seine Auswanderung nach New York City antrat. Doch der Mann stirbt und hinterlässt einen verwirrten Golem. Doch ohne Meister hat sie niemand, der sie anleitet. Vom ersten Moment an wird sie mit einer ihr vollkommen fremden Welt konfrontiert, die sie vernichten würde, würde sie um ihr Geheimnis wissen. Zuflucht findet sie letztendlich bei einem Rabbi im jüdischen Viertel. Der bringt ihr die Feinheiten des menschlichen Alltags näher. Doch dann stirbt der Rabbi. Als sie auf den Dschinn trifft, wissen beide sofort voneinander, dass sie anders sind. Eine ungleiche Freundschaft beginnt. Gerade rechtzeitig, denn ein großes Übel aus uralten Zeiten taucht auf …

Welt der [gemeinsamen] Gegensätze

Die Kluften sind enorm: Aus der einsamen und heißen Wüste geht es für den Dschinn, der sich mittlerweile Ahmad nennt, in das öfters verregnete, kalte und laute New York. Schnell kommt der Dschinn auf den Geschmack, sich durch die Menschenmenge treiben zu lassen und die Gesellschaft zu beobachten. Auch auf die eine oder andere Liebelei lässt er sich ein. Ihm fällt der Schritt leichter, denn er kennt diese Welt schon seit mehreren Jahrhunderten. Chava, wie der Golem vom Rabbi getauft wurde, hat dagegen große Probleme mit den Menschen. Natürlich erwartet man Standardverhalten von ihr, doch auch wenn sie etwa 30 Jahre alt aussieht – sie ist gerade einmal einige Wochen alt und hat keinerlei Erziehung genossen. Dass sie die Gedanken und Wünsche aller Menschen verspürt, trägt nicht gerade zu einer wohligen Atmosphäre in ihren Gedanken bei.

Das Buch ist nicht zuletzt deswegen so lesenswert, weil so viel in der Story steckt. Zum Beispiel die Elemente. Bestünde ein Golem aus Wasser, wäre Chava eine tödliche Bedrohung für Ahmad. So aber besteht er aus Feuer und sie aus Lehm. Das mag sich nicht „perfekt“ ergänzen, aber keiner stellt eine Bedrohung für den anderen da. Mehr braucht es erst einmal nicht, um eine gemeinsame Basis für eine mehr oder minder gemeinsame Zukunft zu schaffen. Das ist etwas, das sich wie kaum etwas anderes auf uns und unsere Realität übertragen lässt.

Cover Golem und Dschinn, Hoffmann und CampeNatürlich unterscheiden sie sich in anderen wesentlichen Dingen und stehen damit für die Gegensätzlichkeit im Leben. Beispielweise, wenn es um die Abhängigkeit geht: Der Golem wünscht sich die Zugehörigkeit zu einem Meister und der Dschinn die absolute Freiheit. Beides haben sie aber nicht und siehe da: Ihr Leben geht trotzdem weiter und das auf grundlegend akzeptable Weise.

Diese beiden Wesen, die den Menschen von ihrer Wesensart her nicht unähnlicher sein könnten, durchlaufen einen geradezu typisch menschlichen Lebensweg. Sie lieben, hassen, leiden, verzweifeln. Sie stehen vor Abgründen, müssen neue Wege finden, dürfen nicht auffallen und fühlen trotzdem den Drang, ihren eigenen Weg zu gehen.

Obwohl so viel hinter den Zeilen steht, ist Dschinn und Golem eine Lektüre, die locker gestrickt ist. Helene Wecker erzählt mit einer Leichtigkeit, die beeindruckt. Gerade wenn man bedenkt, dass dieses Buch ihr erstes Werk ist. Ebenso bemerkenswert ist es, dass jeder Faden am Ende versponnen wird – egal wie nebensächlich die Handlung war. Am Ende kommt es sogar noch zu einem wirklich überraschenden Finale.

„Golem und Dschinn“ ist nicht einfach eine Fantasyerzählung. Es ist eine grandiose Verflechtung einzigartiger Elemente: Faszinierende Charaktere, deren fremdartiger Blickwinkel auf unsere Welt, die ihnen noch seltsamer erscheint. Der mystisch-jüdische Hintergrund, der der Handlung den magischen Funken verleiht. Und alles zusammen so glaubwürdig verarbeitet, dass das Buch zu einem unglaublichen Lesegenuss wird.

Fazit? Lasst euch unglaublich verzaubern!

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