Rezension eines modernen Märchenbuchs

Im August erschien das Werk eines weiteren deutschen Autors auf dem Buchmarkt: Schlicks So klar wie Glas, so kalt wie Eis. Das ist in der Tat ein bemerkenswertes Geschehen, denn wenn ihr euch in euren Buchläden umschaut, werdet ihr folgendes bemerken: In Sachen Krimis dürfen die Autoren hierzulande durchaus ran an die Buletten, aber nicht in Sachen Fantasy. Und das ist das Buch, auch wenn es als Jugendbuch deklariert wurde. Natürlich musste ich es lesen! Nicht zuletzt, weil ich ein unsterbliches Faible für Märchen habe.

Cover OLiver Schlick Verlag ueberreuther

Ein märchenhaftes Cover.

Zum Inhalt: Cora durchlebt den Schock ihres Lebens. Bei einem Autounfalls stirbt ihre Mutter. Sie ist zwar 18, aber noch nicht mal mit der Schule fertig. Bei der Beerdigung taucht ein alter Mann in einem Rollstuhl auf. Ihr Großvater, den sie bisher für verstorben hielt. Begleitet wird er von seiner besten Freundin, Elsa. Diese ist ein absolutes Original: pöbelt laut, liebt Lakritze und hat eine magische Anziehungskraft für Scherben. Wie gut, dass sie beide in einem kleinen Dorf leben, das seit Jahrhunderten auf die Herstellung von Schneekugeln spezialisiert ist. Dorthin wird Cora ziehen, damit sie im Internat dort in Ruhe ihr Abi machen kann. Dass nicht alles so ruhig verläuft, ist Cora spätestens dann klar, als sie von blauen Flammen angegriffen wird und ein geheimnisvoller Fremder auftaucht, der mit ihrem Großvater verbündet ist. Was sie noch nicht weiß: Der Fremde ist über 700 Jahre alt und ein Opfer der sogenannten Rauhnächte …

Es gibt viele coole Elemente, die aus der Geschichte eine spannende Erzählung machen. Dass der Fremde 700 Jahre alt ist. Dass Cora nicht 15 oder 16 ist, sondern 18. Die Fantasy-Aspekte mit den Flammen und den blauen Lichtern, andererseits der Umgangston von Fack Ju Göhte im Internat. Dass das alles auf echten Legenden rund um die Rauhnächte basiert, finde ich echt toll! Wann findet man schon mal ein Buch, das sich um die eigene kulturelle Geschichte dreht und nicht einfach ein paar Hexen, Vampire, Werwölfe etc zusammen in einen chaotischen Topf wirft? Außerdem: Wer hat das letzte Mal ein Buch über Schneekugeln gelesen? Richtig. Es ist einzigartig. Absolut. Von dem Plott an sich bin ich also richtig überzeugt. Er passt in keine Schublade und das ist phänomenal!

Leider ist die Umsetzung nicht rundum gelungen. Die Szene, in der Cora herausfindet, was ihr Beruf der Zukunft ist, ist zu einfach. Dass die Holle (Anführerin der Rauhnächte) eine relativ unbeteiligte Person für die Besessenheit auswählt, ist genauso spaßfrei. Zwischendrin Rückblenden, die auch etwas holprig zum Lesen sind und extrem schlecht formuliert. Mittlerweile nimmt die Erzählung die Fahrt auf und Cora wird richtig sympathisch, weil sie eben nicht eine der typischen Heldinnen ist, deren Unschuld so lange wie möglich bewahrt werden muss (City of Bones oder Divergent, da bleibt die Heroine brav und leidend). Das Thema Altersunterschied (Niklas und Cora) und vor allem das Thema Verlust von Familienmitgliedern hätte mehr in den Vordergrund kommen müssen. Immerhin ist sie erst 18 und kommt unter Garantie nicht wirklich easy darüber hinweg.

Jetzt aber zum Ende: Es ist zu schnell, zu einfach, zu unspektakulär. Es gäbe wesentlich mitreißendere Möglichkeiten. Schon das Erzählgenie Robert McKee sagte: „Nothing moves forward without conflict.“ – und dieser Konflikt fehlt. Sonst wäre Coras Plan nämlich ganz schnell ganz futsch gewesen und der Leser hätte etwas Spannung erlebt. Außerdem war etwa ab Mitte des Buchs klar, wo die erste aller Schneekugeln steckt. Im Endeffekt wollte man schon ins Buch greifen und Cora hin schubbsen, weil sie es selbst nicht gleich begriffen hat.

Wirklich wirklich schade, denn die kleineren Schwachstellen im Buch vorher hätte man einfach hinnehmen können, aber ein plattes und emotionsfreies Finale? Wirft leider einen Schatten über die glitzernde Welt der Schneekugeln.

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