Themenwechsel

Heute Nachmittag hatte das Büro zwecks Fasching den Nachmittag frei bekommen – für Bayern tatsächlich nicht üblich. Also habe ich auf mein schlechtes Gewissen gehört und bin zu meinem Großonkel ins Altenheim getigert. Nicht, dass er eine Last wäre. Dieser kleine Mann ist bei vollem Verstand, charmant und weiß zu unterhalten. Leider haben wir uns erst vor etwa einem Jahr kennengelernt. An den letzten Wochenenden war ich viel unterwegs und konnte ihn weder zurückrufen noch war ich bei ihm. Also heute!

Mit Krapfen bewaffnet stolper ich also in seine Wohneinheit und er begrüßt mich im Sitzen. Ungewöhnlich, denn normalerweise steht er immer auf, egal wie lang es dauert. Er habe sich den Steis lädiert meinte er. Ich lache, weil wir uns ein bisschen ähneln in der Hinsicht: Es gibt keine Ecke, an der man sich einfach mal nicht stoßen könnte. Was er diesmal angestellt hat, der Schlingel? Er hat versucht, sich zu töten.

Bäm.

In seiner Magengegend wurde ein großer, bösartiger Tumor gefunden. Er ist operabel, doch der Junge in ihm hat einfach zu viel Angst vor Schmerz und Leid. Davon habe er im Krieg genug gehabt, jetzt mag er sich nicht auf die Lange Reise der Heilung begeben nach der OP. Also hat er 17 Tabletten und 2 Schnäpse geschluckt. Mit einem Teilerfolg, wie er selbst sagt – aber er ist noch unter uns. Er hat Angst, sich die nächsten zwei Jahre hinzuschleppen unter Schmerzen. So möchte er nicht leben. Das Wort Selbstmord möchte er allerdings nicht hören, er geht von einem selbst gewählten Freitod aus. Den Unterschied konnte er mir nicht erklären. Ich musste erst an die frische Luft und bin auf den Balkon. In der Zwischenzeit telefoniert er mit einer griechischen Freundin, die auch von nichts weiß. Der Sauerstoff in den Gehirnzellen hilft mir, zu einem Standpunkt zu kommen. Also betrete ich die Wohneinheit wieder. Er fragt:

„Willst du Karten spielen?“

„Äh, nein? Sag mal, bist du ein bisschen meschugge?“

„Nein, das ist einfach mein Naturell.“

„Meines braucht da leider noch einen Moment oder zwei, um das zu verarbeiten.“

„Hm-m.“

„Also einmal: Was du mit deinem Leben machst, ist deine Entscheidung. Wenn ich vor deiner OP im Februar aber einen Anruf bekomme, dass du dich umgebracht hast, würd mich das echt ankotzen. Magst du dich wenigstens vorher verabschieden?“

„Nein, an sowas möchte ich dann nicht denken. Abschiede bringen Tränen. Aber ich will am Liebsten bei der OP sterben.“

„Abschiede bringen Tränen, weil es so gut ist. Außerdem sind Abschiede nicht für den da, der geht, sondern für die, die zurückbleiben.“

„Im Krieg musste ich viele Abschiede nehmen.“

Und das Ende der Unterhaltung? Es gibt keine. Meine Gedanken? Rotieren.

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: