Buchrezension: Die Schneekönigin

Lieber Leser,

kaum einer von uns darf sich zur Zeit über Schnee freuen. Da verlockt es doch sehr, zu einem Buch zu greifen, das auf der Rückseite das Andersen-Märchen „Die Schneekönigin“ in den Fokus stellt.

Inhaltsangabe zu Die Schneekönigin

Barrett lebt in einer Traumstadt – New York! Doch sein Leben ist nicht gerade traumhaft. Gerade eben hat ihn sein aktueller Freund verlassen, und das noch per SMS! Auch sonst sieht es nicht gerade rosig aus: Zusammen mit seinem Bruder Taylor und dessen Frau Beth teilt er sich eine kleine Wohnung. Eigentlich sind die drei ein Herz und eine Seele. Die gemeinsame Freundin Liz komplettiert das Quartett. Wäre da nicht der Krebs, der Beth bald in einen frühen Tod reißen könnte und Tylers Unfähigkeit, als Musiker endlich den Durchbruch zu schaffen. So steht jeder vor seinem eigenen Leben und Fragt sich, wie er sich da nur hineinmanövrieren konnte. Da sieht Barrett eines Nachts ein helles Licht am Firmament, das unmöglich ein Stern sein kann und Tyler fliegt ein bedeutsamer Schneekristall ins Auge …

Die Kritik zu Michael Cunningshams Werk

Eine Geschichte, die an ein Märchen angelehnt wurde, mit den zauberhaftesten Elementen des Winters spielt und im modernen New York angesiedelt ist – das macht doch neugierig! Doch ich muss gestehen: Das Buch war nicht so, wie ich es erwartet habe. Weder erinnerte es mich besonders stark an das Märchen, das so besonders im Klappentext hervorgehoben wird. Noch möchte ich es als moderne Version davon bezeichnen. Insofern wurde von dem Schneekönigin-Versprechen fast nichts eingehalten, denn die einzige Parallele sind drei Beschreibungen eines Korns, das im Auge des einen Protagonisten steckt. Sicherlich mag er so manches Mal eher schwarzseherisch aufgelegt sein, aber nicht in einem Maße, wie man es von einem Märchen rund um die Schneekönigin erwarten würde. Im Übrigen: Wer ist denn die besagte Schneekönigin hier – Beth? Ihr Teint wird dauerhaft mit weiß beschrieben, sie steht im Zentrum der Geschichte und gibt trotzdem gern den Ton an – sowohl in der Beziehung als auch im Hintergrund für die gesamte Geschichte. Was Beth aber dann mit dem Korn im Auge Tylers zu tun hat, ist mir relativ schleierhaft. Das ist nicht unbedingt negativ, denn ein Buch muss es erst einmal schaffen, einen Leser auch nach der letzten Seite noch mit der Geschichte zu beschäftigen. Das ist hier gelungen, verdient aber durch die obige Beschreibung das Prädikat „ein wenig seltsam“.

Die Personen sind sehr gut beschrieben – fast schon mit extremer Liebe zum Detail. Dabei verwendet der Autor kaum wörtliche Rede und kommt auch gern mal vom roten Faden ab, sodass man trotz des mittleren Seitenumfangs ab und zu in einem kleinen Sermon feststeckt. Trotzdem, oder gerade deswegen fühlt man sich als Leser zur Geschichte hingezogen und möchte vor allem wissen, wie sie ausgeht. Das hängt auch damit zusammen, dass die großen Motive der Erzählung jedem Mensch wohlbekannt ist: Die Angst vor dem Verlassen werden, die Befürchtung, nicht gut genug zu sein. Die Unberechenbarkeit des Lebens, die Frage nach dem Sinn des ganzen Chaos. Manchmal teasert Cunningham die Zukunft nicht nur an, sondern legt sie mit einigem zeitlichen Abstand offen, beispielsweise mit einem „in zehn Jahren ist er todunglücklich verheiratet“ – nein, kein Spoiler! Damit zeigt er dem Leser eines: Was auch passiert – abgesehen vom eigenen Tod – das Leben geht weiter, bei all der aktuellen Dramatik.

Die Sätze geraten bisweilen sehr lang, manchmal bis zu einer halben Seite und beinhalten dann noch Klammern. Das kann man mögen oder nicht, erfordert aber auf jeden Fall einen sehr aufmerksamen Leser. Das Buch kann also eher weniger einfach nebenher gelesen werden.

Insofern mein Fazit: Eher ein komplexes Buch, wenig Märchenbezug, benötigt durchgängige Aufmerksamkeit und Leser, die sich selbst ganz offen reflektieren können. Denn sonst werden sie nichts mit den langen Gedankengängen der Charaktere anzufangen wissen.

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